An die Freude – Johann Christoph Friedrich von Schiller (1785)

An die Freude

Freude, schöner Götterfunken,

Tochter aus Elysium,

Wir betreten feuertrunken

Himmlische, dein Heiligtum.

Deine Zauber binden wieder,

Was der Mode Schwert geteilt;

Bettler werden Fürstenbrüder,

Wo dein sanfter Flügel weilt.

 

Chor
Seid umschlungen, Millionen!

      Diesen Kuß der ganzen Welt!

      Brüder – überm Sternenzelt

Muß ein lieber Vater wohnen.

 

Wem der große Wurf gelungen,

Eines Freundes Freund zu sein;

Wer ein holdes Weib errungen,

Mische seinen Jubel ein!

Ja – wer auch nur eine Seele

Sein nennt auf dem Erdenrund!

Und wers nie gekonnt, der stehle

Weinend sich aus diesem Bund!

 

Chor
Was den großen Ring bewohnet,

      Huldige der Sympathie!

Zu den Sternen leitet sie,

      Wo der Unbekannte thronet.

 

Freude trinken alle Wesen

An den Brüsten der Natur,

Alle Guten, alle Bösen

Folgen ihrer Rosenspur.

Küsse gab sie uns und Reben,

Einen Freund, geprüft im Tod.

Wollust ward dem Wurm gegeben,

Und der Cherub steht vor Gott.

 

Chor
Ihr stürzt nieder, Millionen?

      Ahndest du den Schöpfer, Welt?

      Such ihn überm Sternenzelt,

Über Sternen muß er wohnen.

 

Freude heißt die starke Feder

In der ewigen Natur.

Freude, Freude treibt die Räder

In der großen Weltenuhr.

Blumen lockt sie aus den Keimen,

Sonnen aus dem Firmament,

Sphären rollt sie in den Räumen,

Die des Sehers Rohr nicht kennt.

 

Chor
Froh, wie seine Sonnen fliegen,

      Durch des Himmels prächtgen Plan,

      Laufet, Brüder, eure Bahn,

Freudig wie ein Held zum Siegen.

 

Aus der Wahrheit Feuerspiegel

Lächelt sie den Forscher an.

Zu der Tugend steilem Hügel

Leitet sie des Dulders Bahn.

Auf des Glaubens Sonnenberge

Sieht man ihre Fahnen wehn,

Durch den Riß gesprengter Särge

Sie im Chor der Engel stehn.

 

Chor
Duldet mutig, Millionen!

      Duldet für die beßre Welt!

      Droben überm Sternenzelt

Wird ein großer Gott belohnen.

 

Göttern kann man nicht vergelten,

Schön ists, ihnen gleich zu sein.

Gram und Armut soll sich melden,

Mit den Frohen sich erfreun.

Groll und Rache sei vergessen,

Unserm Todfeind sei verziehn,

Keine Träne soll ihn pressen,

Keine Reue nage ihn.

 

Chor
Unser Schuldbuch sei vernichtet!

      Ausgesöhnt die ganze Welt!

      Brüder – überm Sternenzelt

Richtet Gott, wie wir gerichtet.

 

Freude sprudelt in Pokalen,

In der Traube goldnem Blut

Trinken Sanftmut Kannibalen,

Die Verzweiflung Heldenmut – –

Brüder, fliegt von euren Sitzen,

Wenn der volle Römer kreist,

Laßt den Schaum zum Himmel sprützen:

Dieses Glas dem guten Geist.

 

Chor
Den der Sterne Wirbel loben,

      Den des Seraphs Hymne preist,

      Dieses Glas dem guten Geist

Überm Sternenzelt dort oben!

 

Festen Mut in schwerem Leiden,

Hülfe, wo die Unschuld weint,

Ewigkeit geschwornen Eiden,

Wahrheit gegen Freund und Feind,

Männerstolz vor Königsthronen –

Brüder, gält es Gut und Blut, –

Dem Verdienste seine Kronen,

Untergang der Lügenbrut!

 

Chor
Schließt den heilgen Zirkel dichter,

      Schwört bei diesem goldnen Wein:

      Dem Gelübde treu zu sein,

Schwört es bei dem Sternenrichter!

 

Rettung von Tyrannenketten,

Großmut auch dem Bösewicht,

Hoffnung auf den Sterbebetten,

Gnade auf dem Hochgericht!

Auch die Toten sollen leben!

Brüder trinkt und stimmet ein,

Allen Sündern soll vergeben,

Und die Hölle nicht mehr sein.

 

Chor
Eine heitre Abschiedsstunde!

      Süßen Schlaf im Leichentuch!

      Brüder – einen sanften Spruch

Aus des Totenrichters Munde!

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Hoffnung – Johann Christoph Friedrich von Schiller (1798)

Es reden und träumen die Menschen viel    Von bessern künftigen Tagen, 

Nach einem glücklichen goldenen Ziel

    Sieht man sie rennen und jagen.

Die Welt wird alt und wird wieder jung, 

Doch der Mensch hofft immer Verbesserung!
Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,

    Sie umflattert den fröhlichen Knaben, 

Den Jüngling begeistert ihr Zauberschein,

    Sie wird mit dem Greis nicht begraben, 

Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf, 

Noch am Grabe pflanzt er – die Hoffnung auf.
Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,

    Erzeugt im Gehirne des Toren; 

Im Herzen kündet es laut sich an,

    Zu was Besserm sind wir geboren! 

Und was die innere Stimme spricht, 

Das täuscht die hoffende Seele nicht.

Lied der Themse /Thames River Song – Elka Cloke

Ein Hauch von Salz

liegt in der Luft. Der Strom schwillt an,

wird dunkler, bald teebraun,

steigt weiter, trifft auf Grün.

Darüber am Ufer die Zahnräder und Riemen

monströser Maschinen

rattern und rasen, der Geist darin,

versteckt in ihren Spulen,

wispert von Mysterien.

Jedes Goldrädchen hat Zähne,

jedes große Rad bewegt

ein Paar Hände, die schaufeln

das Wasser aus dem Fluss,

es verzehren, in Dampf verwandeln

zum Antrieb der gewaltigen Maschine,

gnadenlos bis zum Zerfall.

Die Flut steigt weiter, sanft und leise,

zerstört die mechanische Ordnung.

Salz und Rost und Schlick

bremsen das Getriebe.

Unten am Ufer

die eisernen Kessel

rütteln an ihren Ankerketten

mit dem hohlen Dröhnen

einer gigantischen Glocke,

wie Pauken und Kanonen,

die grollen im Klange von Donnerschlägen.

Und der Strom, er wogt vorbei

Elka Cloke

(Original: Thames River Song)


The tides of the mind are slow

they flow through time

past monuments in limestone

and tall needles of glass.

Almost imperceptibly, a note of salt

slips in and the river rises,

darkening to the color of tea,

swelling to meet the green.

Above its banks the cogs and wheels

of monstrous machines

clank and spin, the ghost within

vanishes into its coils,

whispering mysteries.

We are at war.

Each tiny golden cog has teeth,

each great wheel moves

a pair of hands which take

the water from the river,

devour it, convert it into steam,

coerce the great machine to run

on the force of its dissolution.

They each believe that they can take apart

the ancient powers, rebuild the pillars of the world.

Gently, the tide is rising,

corrupting the mechanism.

Salt, rust and silt

slowing the gears.

Down at the banks

the iron tanks

sway into their moorings

with the hollow boom

of a gigantic bell,

of drum and cannon

which cry out in a tongue of thunder

and the river rolls under.

101 – Catull (57 v. Chr.)

Viele der Länder und viele der Meere nun hab ich durchfahren,

Ziel meiner Reise ist dies, Bruder: der traurige Kult,

Dass ich dich zuallerletzt mit der Totengabe beschenke

Und, wie vergeblich es sei, stummtaube Asche ansprech,

Da das Schicksal denn nun dein wahres Ich mir entrissen,

ach, armer Bruder, wie bist du mir doch schmachvoll geraubt!

Einstweilen aber nun dies, was nach alter Sitte der Väter

Uns überlassen bleibt, trauriges Totengeschenk,

Nimm du es an, ganz feucht ist es schon von den Tränen des Bruders,

Und in Ewigkeit sei gegrüßt und leb wohl, mein Bruder.


Carried through many nations and over many seas,

I arrive, brother, for these wretched funeral rites

so that I might present you with the last tribute of death

and speak in vain to silent ash,

since Fortune has carried you, yourself, away from me.

Alas, poor brother, unfairly taken away from me,

ow in the meantime, nevertheless, these things which in the ancient custom of ancestors

are handed over as a sad tribute to the rites

receive, dripping much with brotherly weeping.

And forever, brother, hail and farewell.


Multas per gentes et multa per aequora vectus

advenio has miseras, frater, ad inferias,

ut te postremo donarem munere mortis

et mutam nequiquam alloquerer cinerem.

quandoquidem fortuna mihi tete abstulit ipsum.

heu miser indigne frater adempte mihi,

nunc tamen interea haec, prisco quae more parentum

tradita sunt tristi munere ad inferias,

accipe fraterno multum manantia fletu,

atque in perpetuum, frater, ave atque vale.

Bücher – Hermann Hesse

Alle Bücher dieser Welt
Bringen dir kein Glück,
Doch sie weisen dich geheim
In dich selbst zurück.

Dort ist alles, was du brauchst,
Sonne Stern und Mond,
Denn das Licht, wonach du frugst,
In dir selber wohnt.

Weisheit, die du lang gesucht
In den Bücherein,
Leuchtet jetzt aus jedem Blatt –
Denn nun ist sie dein.

Ich bin ein Stern – Hermann Hesse

Ich bin ein Stern am Firmament,
Der die Welt betrachtet, die Welt verachtet,
Und in der eignen Glut verbrennt.

Ich bin das Meer, das nächtens stürmt,
Das klagende Meer, das opferschwer
Zu alten Sünden neue türmt.

Ich bin von Eurer Welt verbannt
Vom Stolz erzogen, vom Stolz belogen,
Ich bin ein König ohne Land.

Ich bin die stumme Leidenschaft,
Im Haus ohne Herd, im Krieg ohne Schwert,
Und krank an meiner eignen Kraft.

The Imperfect Lover (1920)

Oh ja, ich weiß, der Weg zum Himmel war leicht.

Wir fanden das kleine Reich unserer Leidenschaft,

das all jene teilen können, die den Weg der Liebenden gehn.

In wildem, heimlichem Glück taumelten wir;

und Götter und Dämonen tobten in unseren Sinnen.


Oh yes, I know the way to heaven was easy.
We found the little kingdom of our passion
That all can share who walk the road of lovers.
In wild and secret happiness we stumbled;
And gods and demons clamoured in our senses.

– Siegfried Sassoon –

Der Henkersbaum / The Hanging Tree – Tribute von Panem (2014)

Kommst du, kommst du,
Kommst du zu dem Baum,
Wo sie hängten den Mann, der drei getötet haben soll?
Seltsames trug sich hier zu.
Nicht seltsamer wäre es,
Träfen wir uns bei Nacht im Henkersbaum.

Kommst du, kommst du,
Kommst du zu dem Baum,
Wo der tote Mann zu seiner Liebsten rief: Lauf!
Seltsames trug sich hier zu.
Nicht seltsamer wäre es,
Träfen wir uns bei Nacht im Henkersbaum.

Kommst du, kommst du,
Kommst du zu dem Baum,
Wohin ich dir riet zu fliehen und uns zu befreien?
Seltsames trug sich hier zu.
Nicht seltsamer wäre es,
Träfen wir uns bei Nacht im Henkersbaum.

Kommst du, kommst du,
Kommst du zu dem Baum,
Ein Seil als Kette, Seite an Seite mit mir?
Seltsames trug sich hier zu.
Nicht seltsamer wäre es,
Träfen wir uns bei Nacht im Henkersbaum.


Are you, are you
Coming to the tree
Where they strung up a man
They say who murdered three.
Strange things did happened here
No stranger would it be
If we met at midnight
In the hanging tree.

Are you, are you
Coming to the tree
Where the dead man called out
For his love to flee.
Strange things did happen here
No stranger would it be
If we met at midnight
In the hanging tree.

Are you, are you
Coming to the tree
Where I told you to run,
So we’d both be free.
Strange things did happened here
No stranger would it be
If we met at midnight
In the hanging tree.

Are you, are you
Coming to the tree
Wear a necklace of rope,
Side by side with me.
Strange things did happen here
No stranger would it be
If we met at midnight
In the hanging tree.

Original: The Hanging Tree https://www.youtube.com/watch?v=okmYA9KP7TE

Der Giftbaum – William Blake (1794)

Ich war wütend auf meinen Freund.
Ich sagte es ihm, mein Zorn verblich.
Ich war wütend auf meinen Feind,
ich schwieg und mein Zorn wuchs.
Nächstens, Morgens, furchtverseucht
hielt ich ihn mit Tränen feucht,
sonnte ihn im Lächeln mein
und mischt‘ mit List und Trug darein.
Und er wuchs bei Tag und Nacht,
hat den Apfel mir erbracht,
bis mein Feind, verlockt vom Glanz,
wissend, er gehört mir ganz,
sich in meinen Garten stahl,
als verhüllt der Sterne Strahl.
Am Morgen seh ich, mit Vergnügen,
mein Feind unter dem Giftbaum liegen.


I was angry with my friend:
I told my wrath, my wrath did end.
I was angry with my foe:
I told it not, my wrath did grow.

And I water’d it in fears,
Night & morning with my tears;
And I sunned it with my smiles
And with soft deceitful wiles.

And it grew both day and night,
Till it bore an apple bright;
And my foe beheld it shine,
And he knew that it was mine,

And into my garden stole
When the night had veil’d the pole:
In the morning, glad, I see
My foe outstretch’d beneath the tree.

– William Blake „A Poison Tree“

Fire and Ice – Robert Frost (1920)

Some say the world will end in fire,
Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire
I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice,
I think I know enough of hate
To say that for destruction ice
Is also great
And would suffice.


So mancher sagt, die Welt vergeht in Feuer.
So mancher sagt, in Eis.
Nachdem was ich von Lust gekostet,

halt ich´s mit denen die das Feuer vorziehn.
Doch müsst sie zweimal untergehn,
kenn ich den Hass wohl gut genug,
zu wissen dass für die Zerstörung,

Eis auch bestens ist,
und sicher reicht.